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Außergewöhnliche Touren durch Ulm

Janik Lingnau | 09.09.2017

 

Gaby Fischer und Jörg Zenker warten als „Henker“ bei ihrer besonderen Stadtführung schon auf die nächsten Verurteilten. Foto: Gaby Fischer

In Ulm, um Ulm und um Ulm herum ist für Sie ein bekannter Zungenbrecher? Sie wissen, dass das Ulmer Münster den höchsten Kirchturm der Welt besitzt? Wer glaubt, alles über Ulm zu wissen, hat definitiv noch an keiner dieser Stadtführungen teilgenommen. „Erlebnisführungen sind deshalb im Kommen, weil die Leute nicht nur ein Bedürfnis nach Informationen haben, sondern auch unterhalten werden wollen“, sagt Sonja Wagenbrenner vom Bundesverband der Gästeführer in Deutschland. Wer also zur Abwechslung keine klassische Stadtführung erleben möchte, der ist bei den folgenden drei Touren der etwas anderen Art richtig.

 

„Der Henker ist in der Stadt“

 

Der Beruf des Henkers galt als „unehrenhaft“ im Mittelalter und war deshalb mit großen Einschränkungen verbunden. So wohnten Henker beispielsweise als Aussätzige meist außerhalb der Stadt und wurden auch von der Gesellschaft ausgegrenzt. Neben der Vollstreckung von Todesurteilen durch das Schwert, durch Enthauptung mit der Guillotine oder Hängen durfte ein Henker auch vielfältige Folter­methoden anwenden – glücklicherweise ist diese Zeit in Europa vorbei.

 

Daran erinnern möchten Gaby Fischer und Jörg Zenker, ausgebildete Gästeführer, die Stadtführungen in historischem Henkergewand in Ulm anbieten. Programmpunkte während ihrer Tour sind auch das Strafrecht im Mittelalter; die Henker, die in Ulm gewirkt haben, und verschiedene Arten der Bestrafung, wie Scheiterhaufen, Hängen und Ertränken – um nur mal eine kleine Auswahl zu nennen. Es werden Stellen gezeigt, an denen sich Justizirrtümer abgespielt haben, Verbrecher abgeführt wurden, Darstellungen von Henkern in Ulm abgebildet sind und Orte und Personen, die an Hinrichtungen erinnern.

 

Bis zu 30 Gäste führen die beiden normalerweise herum. „Gerade mit der Gruselführung kriegen wir viele junge Leute“, sagt Gaby Fischer. „Unser Ziel ist es, Geschichte unterhaltsam zu vermitteln.“ Die Tour gibt es bereits seit drei Jahren, und die Gästeführer haben sich auf Erlebnisführungen spezialisiert. Ziel ist es, mit Humor Geschichte und Fakten unterhaltsam zu vermitteln und ein bisschen für Gänsehautfeeling zu sorgen.

 

Auf die Frage, wie die beiden auf die Idee gekommen sind, so eine ungewöhnliche Tour anzubieten, antwortet Fischer: „Mein Kollege Jörg und ich haben sehr viel Spaß an der Ausarbeitung neuer Themen und Gewänder – und so sind wir eben auch auf dieses Konzept gestoßen.“ Eine gute Voraussetzung hat sie definitiv: „Ich habe die ehrlosen, dunklen Gestalten lieber als die netten Prinzessinnengeschichten.“

 

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Die persönliche Stadtgeschichte

Gaby Fischer und Jörg Zenker, beide seit Jahren Gästeführer der Ulm/Neu-Ulm Touristik, schlüpfen in alte Gewänder - und in neue Rollen. Zehn historische Figuren machen die Stadtgeschichte anschaulich.

RUDI KÜBLER | 20.02.2012 0 0 0

 

Man kann sichs gut vorstellen. Gaby Fischer brodelt schon alleine genug - Vulkan, der sie ist. Wenn sie aber mit ihrem Kompagnon Jörg Zenker zusammensitzt, um etwas Neues auszuhecken, dann ist Kreativ-Alarm angesagt. Fürs vergangene Berblinger-Jahr hatten die beiden die Führung "Von Flug- und Fluchtversuchen" ausgearbeitet, ein Rollenspiel, das anlässlich der Premiere sogar die Polizei auf den Plan rief. Fischer und Zenker waren nicht nur in verschiedene Rollen geschlüpft - "wir haben uns permanent umgezogen" -, sondern hatten auch entsprechende Requisiten dabei: Gewehr und Pistole. Schließlich müssen die Accessoires auch passen. Eine Streife der Ulmer Polizei sah das etwas anders - und schritt ein. Fischer und Zenker mussten ihre Schießeisen auf den Boden legen; erst, als die Beamten sich davon überzeugt hatten, dass es sich keineswegs um eine Entführung, sondern "nur" um eine Führung handelte, durften die beiden wieder zu den Waffen greifen.

 

Das war 2011, das Berblinger-Jubiläum. In diesem Jahr wollen Fischer und Zenker unter dem Motto "Schaulustiges Ulm" in unterschiedliche Rollen schlüpfen, um den Menschen die Ulmer Stadtgeschichte näher zu bringen. Für beide kein Problem: Sie arbeiten seit ein paar Jahren als Gästeführer für die Ulm/Neu-Ulm Touristik (UNT), haben also die Lizenz zum Führen; "die Stadtgeschichte ist unser Fundament", sagt Gaby Fischer. Die Figuren haben sie selber konzipiert, und dass sie sie mit Leben füllen können und werden, versteht sich von selbst. Jörg Zenker (34) ist Schauspielpädagoge, Auftritte sind sein Metier. Und Gaby Fischer? Der 48-jährigen gebürtigen Ulmerin liegen Vor- und Verstellungen dieser Art im Blut. "Wenn ich was mache, dann brenne ich."

 

Sie mimt beispielsweise Elisabeth, die Frau des Bürgermeisters, die alles über Ulmer Festivitäten zu erzählen weiß. Oder die Schankwirtin Kreszenz, die Ratschkachel, die ihren Gästen nicht immer reinen Wein einschenkt, aber Anekdoten über Zechpreller zum Besten gibt und erklärt, was es mit den Ulmer Austern auf sich hat. Mit dieser Figur hat sich Gaby Fischer einen Namen gemacht: Für die UNT führt sie als Schankwirtin Gäste durch Ulmer Kneipen. Zenker tritt als Chronist auf, der von haarsträubenden Begebenheiten während der Reformation, von Bildersturm und Bauernkrieg erzählt. Oder als trinkfreudiger Landsknecht Peter, der intimste Geschichten aus dem Ulmer Stadttheater, dem ersten in Deutschland übrigens, berichtet.

 

Gaby Fischer ist wichtig zu betonen, dass das Programm "Schaulustiges Ulm" keine Konkurrenz zur UNT darstellt, sondern als Ergänzung gedacht ist. Während die UNT-Erlebnisführungen in den Straßen, Gassen oder Kneipen Ulms stattfinden, gehen Fischer und Zenker bewusst nach drinnen. "Unser Schwerpunkt sind Auftritte, beispielsweise bei Geburtstagen und sonstigen Festen, in Seniorenheimen oder auch in Schulen."

 

Wobei eine der Figuren, die Gaby Fischer verkörpert, nicht unbedingt jugendfrei daherkommt: die Hübschlerin Magdalena. Wer mit dem Begriff nichts anfangen kann: Im Mittelalter gab es in Ulm drei Freudenhäuser, eines beim Saumarkt, das zweite im Paradiesgässle und das dritte in der Sterngasse. Die Hübschlerin ist also eine Prostituierte, "die hatte freilich ihren festen Platz in der Gesellschaft. Da kanns dann schon etwas derber werden", sagt sie, die sich wie Zenker extra Gewänder schneidern ließ.

 

Relativ zotenfrei dürfte freilich der Auftritt Berblingers sein, den Fischer und Zenker gemeinsam absolvieren. "Im Doppelpack unterwegs, das macht einen Riesenspaß."

 

 

 

 

 

 

 

 

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Gänsehaut gefällig? Stadtführung mit Gruselfaktor

Ein wenig Gänsehaut statt trockener Geschichte? Erlebnisführungen boomen im ganzen Land, ob mit dem Segway oder mit dem Nachtwächter.

LSW | 01.07.2016

 

Gaby Fischer sieht gar nicht so schrecklich aus, eher fröhlich. Ein bisschen will sie ihre Kunden aber doch das Gruseln lehren. Die 52-Jährige trägt schwere Stiefel, eine Schaufel, eine Lampe und einen dunklen Umhang, sie steht im Ulmer Viertel „Auf dem Kreuz“ und beginnt gerade ihre Tour. „Es ist 1895“, sagt sie, und stellt sich ihrer Gruppe als Leichensagerin Ersebeth vor. Als Gesinde müsse sie hier am Stadtrand leben, klagt sie und lehnt sich auf ihren Spaten. Leichensager mussten früher bei einem Todesfall im Dorf herumgehen und traurige Botschaften übermitteln. Auch Ersebeth läuft von Haus zu Haus, und ihre Geschichten sind ebenfalls eher düster: Längst verstorbene Mönche geistern dabei um alte Kapellen, Soldaten erstechen ihre Geliebten. Es geht um Meuchelmord und den Schwarzen Tod. 90 Minuten Gruseln in Ulm – alles historisch belegt, versichert Ersebeth.

 

Erlebnisführungen sind im Kommen, ob mit dem Segway oder mit dem Nachtwächter. „Der Trend geht eindeutig zu Themenführungen“, bestätigt Sonja Wagenbrenner, Bundesverband der Gästeführer in Deutschland. Egal ob man an der Mosel mit einem VW-Käfer durch Weinberge fährt, eine Krimitour durch die Münsteraner Innenstadt macht oder in der Gruppe durch Berlin joggt. „Die Leute haben nicht nur ein Bedürfnis nach Information, sondern auch nach Unterhaltung“, sagt Wagenbrenner. „Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.“

 

Auch dunkle Kapitel der Stadtgeschichte sind beliebt, Geschichte mit etwas Gänsehaut. In Tuttlingen gibt’s im Herbst eine gruselige Nacht-und-Nebel-Tour, auch in Bad Waldsee (Kreis Ravensburg) treiben Schrättele, Hexen und sogar der Teufel für Touristen ihr Unwesen. In Köln können Stadtbesucher Hexenverbrennung und Folter hautnah erleben.

 

Die Ulmer Leichensagerin Ersebeth besucht die Kohlgasse, das Hafenbad, die Bockgasse, sie erzählt ihren Gästen von Waisenhäusern, vom abgebrannten Stadttheater, von der Pest. „Normalerweise muss man am Boden beppen bleiben, so viel Blut ist hier geflossen“, kommentiert sie in einer Seitenstraße.

 

Kurz darauf berichtet die Leichengräberin von der mittelalterlichen Justiz. „Diebe und Soldaten landeten am Galgen, Münzfälscher wurden ertränkt, Mörder geköpft“, erzählt sie. An der nächsten Station erklärt sie, wie man sich am besten vor der Pest schützt – etwa waren nur sechs Leute zur Beerdigung erlaubt, um das Ansteckungsrisiko zu minimieren. „Meine Tochter steht gerade auf Grusel“, meint Carmen Stimpfle. Die 47-Jährige aus Illertissen hat schon Nachtwächtertouren mit blutverschmierten Laiendarstellern mitgemacht. „Man denkt, man ist mittendrin“, sagt sie.

 

Zwischen 25 und 30 Gäste führt Fischer normalerweise herum. „Gerade mit der Gruselführung kriegen wir viele junge Leute“, sagt Fischer alias Ersebeth. „Unser vordergründiges Ziel ist es Geschichte, unterhaltsam zu vermitteln.“

 

Die gelernte Industriekauffrau rasselte beim ersten Mal durch die Prüfung zur Gästeführerin. „Zu wenig seriös, zu flapsig“, erzählt sie. Ihr waren die üblichen Führungen zu trocken. „In der klassischen Rolle mit den Jahreszahlen bin ich nicht daheim.“ Mit Erlebnisführungen füllt sie nun mit ihrem Kollegen Jörg Zenker (alias Totengräber Theophrast) eine Marktlücke in der Donaustadt. „Du brauchst Empathie“, erklärt sie.

 

Es ist 19.27 Uhr, Ersebeth schreitet rasch zum letzten Punkt der Führung auf dem Stadtfriedhof, am alten Leichenschauhaus und den verwitterten Gräbern vorbei. Die Gruppe trottet ihr hinterher. „Ich bring euch jetzt noch kurz um die Ecke“, scherzt sie und bedankt sich an der Friedhofsmauer bei Gästen für das Trinkgeld.

 

Fischer verkleidet sich nur einmal im Monat als Leichensagerin. Sonst zeigt sie Fremden als Wirtin, Henkerin oder Nachtwächterin ihre Stadt. In ihrem Wagen hat sie eine Schandgeige, ein Henkersschwert, einen Spaten, eine Hellebarde, drei Gewänder immer dabei. Sie führt auf dem Segway durch die Stadt, löst mit Kindern Rätsel um Sherlock Holmes, unterhält auf Geburtstagen und Firmenevents. „Alles, was Spaß macht“, sagt sie. Sogar auf echten Beerdigungen hält sie Trauerreden. „Schwätzen kann ich.“